Vice Words Vol. V – Rise & Fall (Part 1/3)

Vice Words Vol. V – Rise & Fall (Part1/3)

Diepholzer September

„An alle Einsatzwagen – ich wiederhole: An alle Einsatzwagen! Vice Williams hat wieder zugeschlagen. Er raubte den Frauen den Verstand, überfiel sie in ihren sehnsüchtigsten Phantasien und entführte sie in eine Welt der Verführung.“

Mein Name ist Vice Williams und bin von Beruf Gangster of Love.

Es ist Herbst, ein Freitag. Der goldene Oktober neigt sich seinem Ende entgegen und nähert sich mit kühler Zärtlichkeit dem November. Die Kälte, die in der Luft liegt, zwingt mich ein weiteren Knopf an meinen anthrazit-grauen Mantel zuzumachen. Der Grund, warum ich meine Stirn in Falten lege, ist nicht meine Bitterkeit, sondern ist es viel mehr der Regen, der tröpchenweise versucht, in meine Augen zu gelangen. Die Glut meiner Zigarette muss sich dem Regenwasser unterwerfen – „Fuck it, ich hab ja noch Sieben in der Schachtel“. Ich schmeiße die Kippe zu Boden und ersticke die ohnehin schwache Glut mit meiner Schuhsohle. Ich greife meinen Koffer und sage meinem Freund Dimitri: „Wir sehen uns am Sonntag“. Mit jedem meiner Schritte rückt eine meterhohe Ziegelmauer näher – und dahinter: eine Haftanstalt.

Tag 1:
Die drei Tage in der Jugendarrestanstalt sollten keine kurzen werden. Ehrlich: Bereits, als die zentnerschwere Stahltür hinter mir in ihren Riegel fiel, vermisste ich schon das Gefühl, eine Titte zu massieren. Das Gefühl, wie ich langsam ihren Busen aus den Büstenhalter herausnehme und dann genüsslich ihren rosa Nippel mit meiner Zunge liebkose. Doch nun war ich drei Tage lang in einer Einzelzelle, so lebensfeindlich, wie die Wüste für einen Eskimo. Oh welch lüsterne Dämonen mir inne wohnen! Die Zeit nutzte ich, um euch mit einer weiteren Story zu bereichern – und um mich von meinem Knastbruder Ali (19 Jahre, schwere Körperverletzung. Er hat `nen Bullen zusammengedroschen, bis er ihn um Gnade angefleht hat!) abzulenken. Schade, dass er nicht gerade der Hellste ist…ihm würden die Geschichten sicher gefallen.

Wenn ich die letzten vier Wochen Revue passieren lasse, kam es mir so vor, als wäre ich einer dieser Gauner, die wüssten, dass sie es nicht mehr lange auf der Straße machen, und deswegen noch einmal einen letzten großen Coup reißen müssten. Wie bekannt, verweile ich ja nicht mehr unter den vergebenen Männern. Ich genieße diese Freiheit bis zum Limit – und ehrlich gesagt bin ich ein ziemliches Arschloch. Als meiner damaligen Freundin zu Ohren kam, dass ich zwei Tage bevor wir zusammengekommen sind, einer 24 jährigen Braut meine Schokoliebe gezeigt habe, war sie natürlich erschüttert, wie San Francisco nach einem Beben. Einer meiner Freunde fragte mich entsetzt , wieso ich das denn gemacht hätte. Ich antwortete darauf: „Weißt du, Oleg, ich wollte nur `nen vernünftigen Junggesellenabschied haben.“ Ich bin echt gespannt, was dann erst vor meiner Hochzeit los sein wird.

Es ist kurz nach sechs Uhr abends. Von Kaffee, Schreibtisch und den obligatorischen „na-was-machst-du-denn-am-Wochenende“-Fragen habe ich, wie könnte es anders sein, die Schnauze voll. Ich öffne meine Haustür, und ehe ich meine Tasche abstreife und die Schuhe ausziehe, greif ich nach dem Telefon und wähle schon reflexartig elf Ziffern in das Nummernpad ein:

„Hey Bruder, alles klar? Was steht heute an?“ – „Party und Ladys natürlich!“

Welch andere Antwort versprach mir mehr Erlösung aus diesem gottverdammten Kaff als „Party und Ladys“?

Obwohl das erste Wochenende eine totale Katastrophe war, habe ich meine Mission nicht aufgegeben. Diskothek „Go Parc“, in Herford. Ich komme! Mein Kumpel Atze hat als einziger eine Chick für sich erobert. Das Mädel war einfach nur scharf auf ihn, und ich bin mir sicher sie wäre darauf eingegangen, wenn Atze gesagt hätte: „Morgen komm ich in einem Kleinbus voll mit Freunden zu dir, und wir werden alle in alphabetischer Reihenfolge unsere Würstchen zwischen dein Brötchen schieben.“ Ich hasse Atze dafür, dass er an diesem Tag kein Handy mit hatte, um ihre Nummer zu speichern. Es geht kaum noch schlimmer? Denkste! Mir hat ein 1.95 Meter großer Bob Marley auf Anabolika auf deutlichste Art und Weise signalisiert, dass ich hier keine Mädels mit nach Hause nehmen werde. Ich redete kaum sechseinhalb Wörter mit einer Frau, bis Bob Marley plötzlich vor mir auftauchte, sich das Mädchen packte, und ihr zeigte, wie man in Jamaika „rum“ macht. Die einzige logische Reaktion von mir war es zu lachen und zu applaudieren – ich bin Stolz auf dich, schwarzer Bruder!

Anmerkung am Rande: Vor mir offenbart sich der Abendhimmel in seiner vollsten Pracht. Die eisernen Gitterstäbe davor verleihen ihm eine untastbare Anmut und Grazie. Die rotschimmernde Sonne küsst langsam und sanft den Horizont. „Zelle 15 hat noch kein Abendbrot bekommen“, schreit der Wärter, während er meine Zellentür öffnet. Ich blicke auf den Gang, tausche ein paar Sätze mit den anderen Arrestanten und nehme drei Scheiben Brot, ein stumpfes Messer und eine 250 Gramm-Packung Margarine entgegen. Schweinemett, mit einem Hauch französischer Finesse krönt mein Mahl, das zwar bei weitem kein Sterne-Menü ist, aber dennoch eine Köstlichkeit für einen Hungernden. Einzig und alleine zwei Schachteln „West“-Zigaretten und die Jubiläumsausgabe der FHM scheinen in diesem zeitlosen Gefängniskomplex noch an die Stunden außerhalb zu erinnern. Eine seichte Brise dringt durch mein Fenster. Schön.

Nicht herauszukommen ist schon ärgerlich, aber nicht hinein, noch mehr. Ein Wochenende war die Fun Factory in Wildeshausen unser Ziel. Dämlich genug, dass ich keinen Ausweis mit hatte, aber mit etwas Kreativität kann man selbst aus einem Discothekenparkplatz eine wunderschöne und unterhaltsame Location machen. So gab mir mein Kollege den Autoschlüssel, damit ich doch wenigstens im Wagen pennen könnte. „Nichts da, mein lieber! Ich mache trotzdem Party, das schwöre ich dir!“, rief ich ihm hinterher als er bereits die Türsteher passierte.

Ich bin mir sicher, er hat mich nicht gehört. Ich schloss das Auto auf und setzte mich rein. Angeödet von der Stille machte ich die Musik an, um keine Müdigkeit aufkommen zu lassen. Kaum fünf Minuten hingesetzt, sah ich vier junge Männer, geschätzt 17 – 21 Jahre alt, neben meinem Auto. Mit einem Griff nach hinten, schnappte ich mir eine Wodka-Flasche, die noch bis zur Hälfte gefühlt war, kurbelte dass Fenster herunter und rief die Jungs her: „Wie sieht’s aus, ich hab noch Wodka. Lasst uns den mal leer machen!“ Sie kamen herüber: „Sag mal hast du auch was zum Nachtrinken?“ Ich wiederum hob eine Eisteepackung hervor und sagte lässig: „Das dürfte reichen!“ Die Jungs (Deutsch-Russen aus Delmenhorst) waren mir richtig sympathisch, aber noch sympathischer, als sie ihre Flasche Korn hervorholten (Alkohol, du liebreizender Verkuppler, du verbindest Menschen, so schnell, so gut, so stark, wie es nicht einmal wahre Liebe zu machen scheint). Der Korn brannte in meinem Rachen und schmeckte nach einem Altenheim. Kein Wunder, wenn man sich mal den Namen der Marke reinzieht – „Alter Senator“.

Ich startete gut 40 Minuten später , mit einem alten Senator im Magen, einen neuen Versuch und schon wieder ließen mich die Türsteher nicht rein – Scheiße! Kehrum kam mir eine weitere Gruppe entgegen. Unter ihnen eine wahre Schönheit. Die Gruppe musste mir gefolgt sein, weil ich sah wie verunsichert sie waren, als ich abgewiesen wurde. Sie blieben stehen und ein Kerl aus der Gruppe fragte mich: „Sag mal bist du nicht reingekommen? Warum denn, du scheinst eigentlich recht charismatisch zu sein.“ Ich wollte ihnen spaßeshalber noch mehr Angst einjagen, und prophezeite, dass ihr Abend an der Tür vorbei sein könnte: „Sorry, aber ich kenne den Security-Typen und er sagte heute keine, Sport-Sneaker!“ Sie schauten mich entsetzt an und ich musste mir mein Lachen verkneifen. Aber da meine Gesichtsmuskeln ohnehin durch den Alkhol gelähmt waren, verzog ich keine Miene, wie ein wahres Pokerface. Die Schönheit wunderte sich warum ihre Freunde auf einmal solche anstalten machten. Als sie zu sprechen begann, bekam ich Dollarzeichen in meinen Augen: „What`s wrong with those guys? Why didn`t they let you in?“- „Well, I was just making a joke. Actually it seems they claim me to be thug (= Schläger). Now you`re friends think they can`t pass through because they wear sneakers“, gestand ich ihr, und sie begann vor Lachen beinahe Träne zu heulen. Sie hatte eine unglaubliche Figur. Ihr Po konnte unmöglich europäisch sein. Ich tippte also auf „american“, bis sie mich schließlich aufklärte. „No, I`m from Australia.“

Ihre Augen waren blauer als die Wellen über dem Great Barier Reef, und kein Sandstrand, den ich bisher sah, war so fein und so goldgelb, wie ihr blondes Haar. Ich wünschte, ich könnte weinen. Ihr Name war Dian, 20 Jahre jung und so heiß wie die australische Mittagssonne. Sie machte mir noch das ein oder andere Kompliment, gab mir Ihre Handynummer und einen Kuss auf die Wange, ehe ihre Gruppe peilte, dass ich nur Bullshit von mir gegeben hattee. So zog sie fort…

Nach wiedrum 40 Minuten wagte ich den finalen Versuch. Ich ging auf die Türsteher zu und fing an, wie Bruce Darnell, mit einem Deutsch-Englischen Akzent zu reden:

(Achtung: Zum Genuss bitte das „r“ wie im Englischen weich sprechen)

„Hören Sie, ick, habe mein Swester drinne! Morgen wir fliegen zuruck nack Australia and when Sie Jez nick komm, dann vörpassen wir die Flight tomorrow!“ Nach einem drei Minuten-Gespräch wunk mich Meister Proper dann durch: „In Zehn Minuten, Junge! Zehn Minuten, dann bist du draußen! Such deine Schwester lieber schnell“, und im Vorbeigehen sagte ich ihm im besten, dialektfreiem Hochdeutsch: „Ja sicher, ich werde schnellstmöglich Handeln.“ So ein Trottel aber auch. Ich hab auf seine Zehn-Minuten-Regel geschissen und einfach bis zum Ende Party gemacht.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Ich wage einen Blick aus dem Fenster hinaus und entdecke in meinem eingeschränktem Panorama ein Jugendhaus. Junge Leute gehen dort ein und aus – und auch viele Frauen. Was würde ich nicht alles geben, um einer von denen auf den Arsch zu klatschen. Ich habe genug gesehen. Etwas Schlaf könnte mir jetzt gut tun. Mein Kissen ist verdammt dünn, und die Matraze wird meine aufrechte Haltung (ein Produkt aus millionen Jahren Evolution) töten. Außerdem hab ich noch die FHM, die es zu lesen gilt – ich will schließlich nicht vergessen wie Brüste aussehen. Bis Morgen im Stockwerk 1, Trakt 2, Zelle 15.

Vice Williams

~ von Vice am 19 November, 2007.

Eine Antwort to “Vice Words Vol. V – Rise & Fall (Part 1/3)”

  1. Vice Williams Sie sind echt ein Verrückter! Ich hoffe auf noch mehr von ihnen

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