Vice Words Vol. V – Der Journalist (Part 2/3)

Vice Words Vol. V – Tag 2: Der Journalist

Es müsste jetzt acht Uhr morgens sein. Ich bin kein notorischer Langschläfer – dennoch -

für einen freien Samstag finde ich es eine Zumutung, so früh schon auf den Beinen zu sein.

Mein Knast-Bruder Ali hat auch sein Bestes dazu beigetragen. Seit einer viertel Stunde missbraucht er seine Zellentür als Boxsack. Der karge Trakt verstärkt den Hall um ein vielfaches. Meine Augenlider zu schließen ist, wie zwei gleichpolige Magnete zusammen zu führen – unmöglich. Ich wälze mich aus meinem Doppelbett (sogar Beton bietet mehr Komfort), ziehe mir mein Sakko über und zünde mir eine Zigarette an. Wenn ich mich nicht irre, dürfte der Wärter ohnehin jeden Moment die Käfige öffnen. Schritte schwerer Stiefeln scheinen sich mir zu nähern. Schlüssel klimpern aneinander – tatsächlich erscheint der Wärter.

Einige der eingesessenen Arrestanten müssen ihnen dabei helfen. Als ich gestern durch den Trakt ging, hießen sie mich und die drei weiteren Neulinge mit musternden Blicken alles andere als willkommen. „Gut, gut! Guckt euch mal das Frischfleisch an“, sagte einer von denen (seinen Namen habe ich vergessen. Er erzählte mir später, er müsse noch 18 Wochen in diesem Drecksloch ausharren.) „Hier Zelle 15″, brüllt der Wärter die Helfer an, „der Journalist hat noch nichts“.

Als einer der Wärter gestern versuchte mich zu schikanieren, konnte ich das natürlich nicht dabei beruhen lassen.
„Haste de gesehn? Den Schwarzen in Zelle Fuffzehn? Hehe! Guck mal wie der heeßt“, laberte er vor sich hin. Der Wärter schloss meine Zelle auf, wahrscheinlich um sich zu vergewissern, dass ich wirklich schwarz bin. Er trat nicht ein, sondern blieb im Türrahmen stehen, ich began mit ihm zu reden: „Sie sind neugierig was?! In den nächsten Tagen haben sie ja noch die Gelegenheit, meinen Namen zu lernen. Übrigens – ich bin Journalist und schreibe gerade ein Journal über meinen Aufenthalt hier.“
„Journalist! Scheiße!“, muss er sich gedacht haben. Aus diesem Grund schien er auf einmal so versteift und überrascht zu sein. Er schloss die Zelle zu und ging ruhig weiter zum Nächsten. Seit dem hat keiner der Vollzugsbeamten auch nur ansatzweise den Verusch unternommen, mich schlecht darstehen zu lassen. Ich mag meinen Job.

In diesem Beruf ist die Tat das wichtigste. Eine schnelle und präzise, aber auch eine entschlossene Grundeinstellung macht einen erfolgreichen Journalisten aus. Samstagnacht – das Nachtleben rief in das sonst verschlafene Dorf Ströhen. Neben einem Zoo hat es sonst nicht viel zu bieten – außer einer Disco, wo ich ebenso viele Affen erwartet habe. Nach einem vorigen unterhaltsamen Trinkgelage unter Freunden, machten wir uns zu viert auf dem Weg in Richtung Niemandsland. Mein Kollege Juong konnte mich nur überreden, weil er versprochen hat, hübsche Frauen zu treffen. Schon ein paar Meter vor dem Eingang enttarnte uns eine Gruppe junger (und angetrunkener) Frauen als „Empire-Kinder“ (Achtung, Klischeealarm).

Es muss einem dreckigen Italo-Western geähnelt haben: In einer Slow-Motion-Sequenz betraten wir wie vier Desperados den Saloon. Wenn wir sprachen herrschte Stille. Wenn wir gingen, stand der Rest. Wenn wir uns setzten, erhob sich die Masse. Die Blicke der anderen folgten unseren Schritten, als wenn wir Sporen an unseren Schuhen hätten, die Funken auf den Boden warfen. Ihre Leben durften sie behalten. Doch die Nacht, die gehörte uns – from the dusk till dawn.
Heute war „Black meets House“ als Event angesagt. Die perfekte Symbiose aus urbanen Rythmen und metropilischer Ekstase.
Der ganze Laden war vertrackt und unübersichtlich, so blieb uns nichts anderes übrig, als den Bässen der Mainhall zu folgen.
Juong ging voran. Meine Erwartung diesen Abend mit einer wirklich heißen Frau perfekt zu machen, drückte ich ihm an seinen Schädel wie eine entsicherte Pistole.
Aber am Ende des Abends musste ich ihn nicht töten. Nein. Ich war ihm sogar zum Dank verpflichtet.

Olivgrüne Augen, dunkles Haar und ein wahrhaft strahlendes Lächeln, was mich an die mediterrane Sonne erinnerte – Joung, du hast einen verdammt guten Geschmack.

Auf der Tanzfläche begenete ich das erste mal sein Date. Ihr im Schlepptau ihre ältere Cousine. Eine rassige, portugiesische Schönheit, mit samtweichem Haar und einer leidenschaftlich-authentischen Ausstrahlung. Juongs Date hieß Vanessa und die Frau, die es mir antat hieß

- ……. -

ich habe sie nicht danach gefragt. Ganz im Gegenteil. Getreu dem Motto „zeig mir wie du tanzt, und ich sag der wer du bist“, war die erste Aktion, die ich machte, nicht der bloße Kennenlern-Prozedur à la Händereichen und „Hi, ich bin Vice und wie heißt du?“ Não!!! Ich nahm ihre Hand, wirbelte sie in einer 180° Pirouette herum, legte schließlich meine Hand an ihre Hüfte und zeigte ihr „Kennenlernen auf südländische Art“.

Ich wusste zwar immer noch nicht wie sie hieß, aber ihren rhytmischen und heißen Bewegungen zum Urteil musste ihr Vorname mir „S“ wie „sexy“ beginnen.

Eine Halbe stunde pulsierten unsere Körper, eng umschlungen gemeinsam zum Takt.

Ihre Wangen. Noch näher.

Ihr Atem. Noch näher.

Ihre Lippen – Ja!

Für solche Frauen haben wir Männer uns eine Rippe herausnehmen lassen. Deus eo meu contributo! Doch, wie ein Wecker, der einen unliebsam um halb sechs Uhr morgens aus den besten Traum reißt, tippte mir Juong auf die Schulter.

„Hey, sag mal, weißt du überhaupt wie sie heißt?“ – „Mhh, Shit!“ Juong und Vanessa blickten mich ungläubig an. „Wie ? Du hast eine halbe Stunde lang eng an eng mit ihr getantzt und kennst noch nicht einmal ihren Namen?“ Juongs Date kam dazwischen und flüsterte mit ins Ohr:

„Sie heißt Silvia.“

Man möchte meinen, dass es eine Rettung in letzter Sekunde gewesen wäre, aber so wie ich eben bin, habe ich bereits beim umdrehen ihren Namen vergessen. Ein trauriger Weltrekord!

Ich ließ mir einige Tage später ihre Nummer geben. Während unserem Telefonat gestand Silvia: „Ich wusste am Anfang nicht, ob es richtig oder falsch war, was wir gemacht haben.“
Es war richtig. Wenn man die Antwort auf die Millionenfrage kennt, darf man nie anfangen Zweifeln – und sie wusste das. Ein großer Fehler, den nämlich viele Männer machen, ist es emotional und sexuell nicht zu eskalieren. Männer machen sich zu viele Gedanken darüber, ob man beispielsweise eine Frau nun Küssen sollte oder nicht, oder ob man nun mit seiner Hand über ihren Po gleiten sollte oder nicht. Reine Zeitverschwendung! Wenn es eine Sache gibt, die Frauen lieben, dann ist es Unberechenbarkeit (dazu später noch viel viel mehr).

Als es für Vanessa und Silvia an der Zeit war nach Hause zu fahren, hieß es nicht Trauerstimmung. Trauerstimmung leck mich! Was genau alles am Abend passiert ist, dass weiß nur Gott! Das einzige, woran ich mich erinnern konnte, war dass wir zu dritt ein Maas Bacardi-Cola in sage und schreibe 3.28 Sekunden bis auf den letzten Tropfen leergetrunken haben, woraufhin die Baarkeeperin uns anstarrte, als wären wir von allen guten Geistern verlassen gewesen (oder einfach nur Scheiß-Alkoholiker). Sie brachte vor Entsetzen und Staunen nur zwei Wörter über die Lippen: „Empire-Kinder!“

Hier drinnen ist es kalt, und mein Hunger zwang mich dazu, die Hälfte von der Margarine wegzunaschen. Zu meinem Glück muss ich dieses kulinarische Disaster nicht mehr allzu lange ertragen, denn hinter mir hat sich soeben die Zellentür geöffnet.

Einer der Arrestanten ist neugierig und wagt einen Blick in meine Zelle. Er beobachtet mich zögerlich beim Schreiben. „Was machste denn da?“, fragt er.

Er müsste 17 Jahre alt sein, höchstens 18.

Er hat das stereotypische Aussehen eines smarten Fußballspielers. Und er ist Deutscher. – „Ich schreibe ein wenig,“ entgegne ich ihm. Es müssen wohl so einige gescheiterte Existenzen in dieser Hölle gewesen sein. Ich merke dem Kerl an, dass ich ihm, auf der einen Seite einen Funken Inspiration vermittelt habe. Auf der anderen Seite jedoch plagt ihn wohl das Gefühl, dass der Rest seines Lebens weit weniger Perspektiven bietet, als ein Blick aus dem Zellenfenster.
„Machst du Hausaufgaben?“, fragt er weiter. „Nein, ich schreibe gerade eine Story über Frauen. Genauer gesagt darüber, was Frauen wollen.“ Ich halte ihm mein bereits neunseitiges Manuskript hin und er überflog es.

„Ja, was wollen Frauen denn?“, drängt er in einem scharfem Ton, ich schmunzele und erwidere seine Frage:

„Frauen wollen einen Mann, der weiß was er will. Nicht mehr, nicht weniger. Weißt du was du willst?“ – „Ich verstehe dich, man, ich verstehe dich“ -, ein nachdenkliches Kopfnicken. Seine einzeige Reaktion.


„Warte ich bring dir jetzt mal dein Mittagessen.“ Er dreht sich zur Tür, ruft mich zu sich und reicht mir eine Hartplastikschale: „Hier Boss, dein Essen.“ (Kein Scherz! Die gaben mir den Spitznamen „Boss“, weil ich immer und zu jeder Zeit mit Nadelstreifen-Jackett im Trackt herumlief). Heute gibt es Nudeln mit Tomatensoße. Auch wenn es nach Spülmittel schmeckt und ich mich schon mit dem Gedanken abgefunden habe, dass mein Mahl mit einem dicken Klecks Rotze versehen wurde, ist es mir sowas von scheißegal. Ich habe Hunger, ich esse alles.

Dass ich alles Verzehrbare in mich hineinschlinge wie eine dreiköpfige Familie, die insgesamt 1,5 Tonnen auf die Waage bringt, hätte ich nicht von mir erwartet. Zwei Wochen vor meinem Arrest war ich in meiner Arbeit als Journalist für unsere Lokalzeitung überaus aktiv. Die „K“ in Düsseldorf ist die größte Messe der Kunststoffindustrie. Und die Kunststoffindustrie ist gigantisch!

Ich bekam also die Möglichkeit als außendienstlicher Redakteur über die Firma „Elastogran“, den weltweit führenden Entwickler polyurethaner Kunststoffe (die man wirklich in jedem Scheiß findet – vom Playmobilmännchen, bis hin zum Benz-Interior), über ihren Messeauftritt Berichterstattung zu leisten – eine Mammutaufgabe. Der wahre Grund warum ich unbedingt zur Messe wollte, waren die Hostessen. Fast jedes gottverdammte Land präsentierte sich in dort 17 Hallen und auf 306.888 Quadratmeter Gelände. Und jetzt, liebe Leserinnen und vor allem liebe Leser, stellen Sie sich mal vor, was für Frauen, in Hülle und Fülle, mir die Arbeit versüßten….!

Rainer Schwarz, Pressesprecher der Elastogran, stand mir den Tag zur Seite. (Rainer, wenn du das liest, sollst du wissen, was du für ein korrekter Kerl du doch bist.)
Eine Hostesse tat es mir besonders an. Sie hatte einen so dicken Po, man hätte mühelos ein randvolles Glas Wasser abstellen können, ohne einen einzigen Tropfen zu vergießen.

Oder noch besser. Südafrika, Türkei, China, Argentinien, Deutschland und Schweden -, wenn nicht gerade Fußball-WM in unserem eigenem Land ist, oder man mit viel Geld auf der Reeperbahn herumtingelt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass man jemals diese Traumkombination Arm-in-Arm vor sich stehen hat (ich fragte Südafrika, ob sie nach der Arbeit nicht das Bedürfnis nach einer Fußmassage hätte – diese Frauen müssen schließlich zehn Stunden lang stehen.) Ich will ein besserer Mensch werden, denn so ähnlich stelle ich mir den Himmel vor. Das beste war jedoch das Essen. Wie der Schriftsteller und Playboy des 19. Jahrhunderts Oscar Wilde einst treffend formulierte: „Wenn ich erregt bin, gibt es nur ein Mittel, mich völlig zu beruhigen: Essen.“ Auf dem Rückweg machten wir an einer Autobahnraststätte bei Münster halt. Ich bestellte mir ein Schnitzel, so unüberschaubar groß wie Russland! Nur ein kleines, unbedeutendes Stück Kamtschatka ließ ich auf meinem Teller liegen.

Später Samstagnachmittag: Bruder Ali macht wieder ziemlich auf sich aufmerksam. Den schnellen Schritten des Wärters zu Urteilen, wird Ali gleich angeschnautzt werden. Es ist eine kleine Tristesse in den Gängen zu verspüren – im Grunde genommen sollten wir alle nicht hier sein. Doch wir sind es. „Willst du noch länger hier bleiben?“, schreit der Vollzugsbeamte. „Ey, isch war das nischt, ey!“, gibt Ali von sich zurück. Ich höre wie der Wärter an seinem Schlüsselbund herumfummelt, sich einen Schlüssel heraussucht und ihn ratternd in ein Schloss einführt. Er schließt Alis Tür auf. Danach Franks. Danach Meine. Danach Sanjas. Komische Mischung, oder?

Ali, 19 Jahre alt, aus Bremen, Türke. Ich, 20 Jahre alt, aus Diepholz, Afrikaner. Frank, 17 Jahre alt, aus Osnabrück, Deutscher und zuletzt Sanja, 16 Jahre alt, aus Alhorn, deutsch-Russe. Vier Leute, aus unterschiedlichen Städten, aus Teilen der Welt, die unterschiedlicher gar nicht hätten sein können. Wenn das mal keine Symbolik ist – will damit sagen: Im Grunde genommen sitzen wir doch alle in der Kacke.

Der Wärter läßt uns – obwohl nicht berichtigt für eine Stunde lang auf den Flur. Guten Gewissens belehrt er uns noch: „Macht keinen Mist, alles klar!“
Das tut gut. Gelegenheit für uns zum Gesprächsaustausch. Ich verteile zwei Runden Kippen, erzähle denen über Gott und die Welt und den Frauen die auf Gottes Welt wandern. Ich höre auch zu.
Die Krönung ist aber noch unser Titten-Talk. Ich gehe kurz zurück in meine Zelle, greife mir das FHM-Magazin, dass ich unter meinem Kopfkissen versteckt habe und zeige es den Jungs. „Boah, geil! Endlich mal wieder Titten“, freute sich Frank. Es ist so, als würdest du drei hungrigen Wölfen ein blutiges Stück Fleisch vor die Schnauze halten. „Kollegas, ich tue euch einen gefallen. Ihr bekommt jeder eines der XXL-Poster, damit ihr euch erstmal richtig entladen könnt!“ – Ich bin damit nicht geizig, schließlich habe ich mir schon die Halle Berry Seite abgegriffen. Dann spreche ich zu Ali: „Yo, du hast nichts zu Lesen mit, sagst du? Pass auf Bruder: Ich habe hier etwas. Es geht um das, was Frauen wollen. Ich habe diese elf Seiten mit der Hand geschrieben. Ich schenke sie dir, damit du dich in deiner Zelle nicht langweilst.“ Ali reagiert sehr dankbar. – „Korrekt von dir ey, ich schwör ich werde das lesen.“ – Es war wahrscheinlich das erste (und vielleicht auch das letzte), was Ali in diesem Jahr gelesen hat.
Nach einer Stunde und zwanzig Minuten kehrt der Wärter zurück, um uns wieder einzuschließen.

Es ist nun zwei Uhr nachts. Ich versuche zu schlafen. Die Wände in der Zelle sind nikotingelb, und gewiss habe ich meinen Beitrag dazu geleistet.
Meine Augenlider sind schwer wie Betonplatten. Plötzlich: Ali!

- „Will, EY WILL!“
- „Was geht Ali?“
- „EY, DEIN TEXT, EY!“
- „Yo?“
- „IST GEIL, EY!!!“

~ von Vice Williams am 27 Januar, 2008.

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