Vice Words Vol. V – Das letzte Mal

Mein Name ist Vice Williams und bin von Beruf Wochenend-Pate.

Roter Oktober

Anders als bei gewönlichen Freitagen, die immer wiederkehrend das Verlangen nach Feier und Gesellschaft und Sex unter dem normalen Partyvolk schürten, schweifte an jenem Mittwochnachmittag mein Blick beständig im fünf-Minuten-Rhythmus auf die Uhr meines Klapphandys, dass ich mit einem lauten ‘klipp“ auf- und zuschlug; alle zwei Minuten richteten sich meine Augen, von Ungeduld und Hast erfüllt, auf die Artikel, die ich jedesmal aufs Neue entgegenlas, ehe ich dann endgültig den Stift niederlegte. Der Griff meiner Kaffetasse, ich trank meinen Kaffee immer Schwarz und mit viel Süßstoff, war fest von meiner Hand umschlungen; und jede einzelne Minuten versank ich in dem Gedanken, heute in das Tor zum Glück einzutreten.

Unerbittlich war jener letzte Oktobertag. Die Luft in der Redaktion zeigte sich geschwängert von dem Rauch, der unseren denkenden und gestressten Köpfen entstieg. Kurz nach siebzehn Uhr. El Chefe ging noch einmal die letzten Fehler durch, die ich auf der Zeitungsseite ausfindig machte. „Alles klar, dann mach jetzt mal Feierabend“, sagte er mit einer Stimme, die vermutlich jenen Feierabend für ihn hätte geltend machen wollen.

Auf dem kurzen Heimweg malte ich mir aus, was für ein Fest in der Discothek ‘Empire’ stattfinden sollte – Rocco Sefridi, fleischgewordener italienscher Sexgott, praktizierte in meiner Vorstellung dagegen nur Kuscheln und Blümchensex. Den grauen Oktoberhimmel habe ich um diese Uhrzeit nicht mehr vernommen, da sich die Sonne bereits früh zurückzog, wahrscheinlich um den Abend noch länger wirken zu lassen. Doch blieb mir dieser süsse Geruch, der mich an eine frisch-rasierte Vulva erinnerte, in meinem Kopf. Ich hatte es nötig. Zu Hause angekommen legte ich die Lasten der Arbeit ab und wählte meine Garderobe. Dimitri anrufen! „Peace Dima, du weisst was heute ansteht!?!“ (Warten auf die Antwort. Dimitri ist ein wenig ‘langsam’. Nach 15 Sekunden schließlich) „- Ja, Empire oder was.“ – „Ich mache dir ein Angebot, das du mir nicht abschlagen kannst. Sei um zehn Uhr bei mir, hol’ mich ab, wir besorgen uns was zum Trinken dann stellst du deinen Wagen ab,“ rief ich mit kratziger Stimmlage aus.

…. (wieder warten)

„Okay geht klar,“ sprach er in philosophischer Ruhe. „Ach, und sei pünklich!“ Wenn ich das sage, kommt Dimitri erst recht nicht pünktlich. Aber ich hoffe auf den Tag, an dem das geschieht. Es ist ein Wunder, dass dieser träg und langsam anmutende Kerl mir bis zweiundzwanzig Uhr nie den Elan geraubt hatte – selbst dann nicht, als er anstatt um zehn Uhr vor meiner Haustür zu stehen, erst um viertel vor elf antanzte. Langsam und erhaben schritt ich die Treppenstufen vor meiner Tur hinunter. Von der Ferse bis zum Schopf passte ich meine Kleidung dieser düsteren Nacht an. Eine hochgekrempelte Hose im Camouflage-Look, dazugehörend ein Enges schwarzes Oberteil, das von einem Sakko umschlossen wurde – alles ergab ein, in meinen Augen, durchweg gelungenes Outfit. Selbst die Fingernägel lackierte ich mir in einem Schwarz. Die Devise hieß schließlich: Auffallen statt gefallen.

Ich stieg zu Dimitri in den Wagen, nachdem er mir die Tür von innen öffnete. Eigentlich ist mein Ego so groß, es fände nur Platz in einem Maybach – aber ein Ford Fiesta ‘94er Baujahr diente dem Zweck genau so gut. Nachdem wir uns bei der Aral Tankstelle eine Wodkaflasche plus Eistee kauften, fuhren wir weiter. In der Nähe der Disco parkten wir den mini-Maybach, tranken wie leibhaftige russische Tschetschenenkriegsveteranen die im Nebel schimmernde Wodka und machten uns auf den Weg in die Küche unserer Sünden – Empire. Frau hüte dich. Denn heute Nacht dreht Vice, Gangster of Love, sein letztes dickes Ding -mit einem dicken Ding!

Im bürgerlichen Leben werden wir bestraft für das, was wir taten. Im Nachtleben bestrafen Frauen uns Männer für das, was wir nicht tun – darüber zerbrachen sich schon einige vernunftbegabte Denker und Langzeitjungfrauen den Schädel. Weshalb zögern viele Männer, wenn es darum geht, auf eine Lady zuzugehen und sie anzusprechen? Hätte der erhabene Marlon Brando als gealterter und ehrenwerter Don Vittore Corleone eine Entscheidung aufgeschoben, wenn er wüsste, dass nur die Untätigkeit an sich schlimmer ist als die gescheiterte Tat?

Nein!

Der letzte Tag in diesem Loch beginnt, anders als der vorige, nicht durch Alis Weckritual, Beulen in die Zellentür zu schlagen. Aurora, die Göttin der Morgenröte, kommt meiner Bronchitis nicht zuvor. So waren es ständige Hustenattacken, die mich unfreiwillig wach hielten – selbst Alis Schlaf fiel diesen fiesen hurensohnartigen Hustenkrämpfen zum Opfer. Die Sonne hält sich selbst um sieben Uhr Morgens noch ziemlich eingeschüchtert hinter’m Horizont. Stattdessen erhellen drei oder vier Schweinwerfer auf dem Innenhof die Zelle 15.

Gestern hielt sich übrigens hartnäckig das Gerücht, jemand wolle eine nicht erwähnte Menge Marihuana in die Anstalt schmuggeln – die Brüder hier waren so geladen wie Raubtiere kurz vor der Fütterung. Ich vertreibe mir derweil die Zeit, in dem ich zeremonisch die Klarsichtfolie meiner letzten Westschachtel aufreiße. Das war leider auch das einzige, was ich an diesem Wochenende aufreißen sollte. Sieben Uhr müsste es jetzt sein, denke ich mir, und während ich auf dem Doppelbett sitze und die Zigarettenasche zu Boden fällt, kann ich doch bestimmt noch etwas Lesen. Ich schnappe mir die FHM und bekomme eine schmerzhafte Erektion, als ich von Nikkis (23, 80 B, brünette Haare und ein Arsch zum reinbeißen) Sexvorlieben schwärme – „Männer haben Angst, mich hart zu nehmen“. Nein Nikki, ich kenne mindestens einen Mann, der dem Wort „hart“ danach eine neue Definition verleiht.

Die Wochen zuvor holte ich mir lediglich den Appetit.

Doch in jener Nacht sollte ‘Don’ Vice Williams speisen.

So wie man in einen Club hineingeht, so verlässt man ihn auch meistens. Der Einlauf in die Disco hat über die Jahre selbst die symbolträchtige Entzündung der olympischen Fackel in der Wettkampfsportstätte an Anmut und Disziplin schon längst überholt. Es macht sich für einen Mann immer gut, wenn er seine Präsenz zeigt – als würde sein Blick ausdrücken: „Hier bin ich! Leibhaftig!“

Aber völlig zu unrecht stellen so einige Rap-Clips das große „Incoming“ in ihren Videos als Slow-Motionsequenz da – naja, ausgenommen vielleicht für Dimitri. Ich gab meinen Mantel an der Garderobe ab, ging in Richtung Kasse und nahm mir meine Verzehrkarte. Die ersten zwei Ladies, die ich schon länger kannte, aber an diesem Abend verflucht heiß fand, erblickte ich nur einige Meter hinter dem Eingang, an einem hohen Holztisch stehend. Ich ging zu den Mädels hin und begrüßte sie, charming as usual, mit einem Kuss auf die rechte und linke Wange.

„Hey Nathalie und hey, Natalia. Ihr seht heute Abend verflucht sexy aus. Habt ihr euch für mich wirklich so viel Mühe gegeben?“ Nathalie trug ein blaues Oberteil, das dazu provozierte einen Blick auf ihr üppiges Dekoltée zu werfen und seit dem Natalia aus den USA wiedergekommen war (sie hatte viel Zeit unter Schwarzen verbracht), gönnte ich mir mehr als einen Blick auf ihre Hotpants (Da ist jetzt was drin, Baby. Black Magic!!). „Klar , wir wollen doch, dass unser Vice sieht, was wir zu bieten haben“, antworteten die beiden praktisch synchron. Da ich kein Kaugummi hatte, bot mir Nathalie, das an, dass sie gerade im Mund hatt. Auf die Hand? Igitt. „Mund zu Mund oder nichts!“ Ich kam ihr gefährlich nahe, berührte ihre Lippen leicht, nahm das Kaugummi und verschwand. Ihr Glück: Es war noch Geschmack darin.

Dimitri war längst an einer Theke, unmittelbar beim Eingang. Ich ging zu ihm, bestellte uns Beck’s Gold und genoss, ehe wir uns zum Kontrollgang aufmachten. Das erste Bier ist für uns eine ungebrochene Tradition. Da saßen wir, auf einem Barhocker und kaum zum Trinken kommend. Wir blieben von bekannten Freunden umringt und waren stets am Händeschütteln, nicht nur aus Höflichkeit, sondern auch um die vielen gesellschftlichen Kontakte und die eigene soziale Kompetenz zu demonstrieren.

Vor uns liefen die Damen wie auf einem Pariser Catwalk in ihren sieben,-acht,-neun zentimeterhohen Highheels daher und brachten ihre Ärsche zum ausschlagen, wie die Nadel auf einem Seismographen. 7,9 auf der Richterskala! Nach einem Opfer für heute Nacht schaute ich nicht vergeblich, denn potentiell passte mir hier viele Frauen ins Profil.

So stand ich auf, entfernte mich, von der doch durch Techno-Sounds beherrschten Bar, die ja an die Mainhall grenzt, und ging in den Black Beat-Raum. Niemand geringerer als mein Kollege Al Way kam mir entgegen, und lud mich erneut zu einer Wodkaflasche ein. Daneben mein ebenso aufrisserfahrener Crime-Partner Ray. Zuerst scherzend, dann aber immer ernster werden, malten wir uns aus, wie wir heute Nacht einen Porno drehen wollten.

Erst ganz moderat und zurückhaltend. Danach steigerten wir uns so sehr hinein, dass wir uns schon überlegten, wer der Pechvogel ist und den Kameramann spielen muss. Es folgten solche Dinge wie „ich kann doch so ein Kameramann sein, und ab und zu meine Finger mitspielen lassen.“ – „Vergiss es Al, ‘Vulva for Men’ gibt’s nur für die Hauptdarsteller“ und etc. Mein Freund Jerry (einer der Wenigen, die einen ebenso großen Rüssel haben wie ich, Elefantenbulle) kam dazu und drängte sich noch auf ein Beweisfoto.

Dummen Ideen habe ich es zu verdanken, dass ich meine Zeit in der Arrestanstalt friste. An dem Prozesstag betrat ich den Gerichtssaal so, als wäre ich ein Erbe des berüchtigten Paten Harlems Frank Lucas. Mein schwarzer Anzug war frisch und sollte mir helfen möglichst viel Seriösität zu unterstreichen. Die Schuhe, die ich trug putzte ich den Tag vor der Verhandlung, als müssten sie es würdig sein, mir bei diesem schweren Gang zu füßen zu sein. Die Staatsanwältin, geschätzte Anfang dreißig, hätte ich außerhalb der Anklagebank zu vernaschen versucht. Ihr Haar war blond und zu einem Zopf nach hinten gebunden und die Robe verdeckte ihre sonst so weibliche Figur, was einem Mann die vorprogrammierte Generallisierung von Frauen nicht ermöglichte. Während des Prozesses blicke sie ein wenig ungläubig drein, vor allem dann, als sie die Anklageschrift verlass. „Dem Beschuldigten wird zur Last gelegt…

Ich versuchte mit dieser Rechtsdienerin zu Flirten – doch das ging übel nach hinten los (‘Sie benehmen sich ziemlich arrogant, Herr Williams!’ – ‘Ach, wenn Sie meinen! Lernen Sie mich doch erst einmal kennen!’) . Diesem lieblichen Dämonen und meiner nicht unbeträchtlichen Dummheit habe ich es zu verdanken, dass ich nun anstatt Nutella-Toast und Pizza vom Vorabend nur zähes und halb-trockenes Brot mit einem Aufstrich zum Frühstück esse, bei dem das Haltbarkeitsdatum empfindlich überschritten wurde. Als Rache dafür werde ich eine ihrer Kolleginnen zum Dinner ausführen. Ja, wir werden Hummer essen und teuren Dom Pérignon trinken – und Frau Generalstaatsanwältin wird die Rechnung bezahlen! Ich werde mit ihr schlafen und mich danach nicht mehr bei ihr melden…

Das Bankett in Teufels Küche ist eröffnet! >>>>> Seite 2

~ von Vice am 14 Mai, 2008.

Eine Antwort schreiben