Vice Words Vol. V – Das letzte Mal – Seite 2

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Nachdem ich mir die Zunge mit russischem Mundwasser befeuchtete, meinen lieben Freund Jerry, einen Russland-Deutschen, in den Arm nahm und er mit stark gerollten ‘r’ die Sowjetversion von Fatman Scoops ‘Be Faithful’ sang („…and if my trrrrain goes of the trrrrack…..bljet), begann er mich in die Verführungskunst von Hammer und Sichel einzuweihen: „Wenn du willst ccchaben Muschiye, du musst sein Arrrschloch. Wenn nijex Arrrschloch du wirst nijex Maaann!“, und drückte mich aus aufrichtiger Herrenliebe ein wenig fester – Dabei spricht er ein sonst ausgeprochen gutes Hochdeutsch. Ich schätze der Zaubertrank Wodka hat ihn und mich wohl zu kommunistischen Galliern gemacht.

Es war gerade erst halb eins, und da ich nicht wollte, dass ich, anstatt eine Frau zu umarmen, einer Kloschüssel den Spitznamen ‘Baby’ gebe, schüttete ich heimlich und unauffällig einige ‘Rumka’ (= rus. für Kurze) weg. Wenn die anderen in der Runde bereits mit dem Trinken begannen und ihre Kopfe in ihren Nacken legten, tat ich so als nähme ich einen männlichen Schluck, wischte mir mit dem Handrücken den Mund ab und lehnte anschließend jedes Angebot ab, wenn mir jemand ein Glas Cola hinhielt, um den Geschmack des Wodkas zu neutralisieren. Schimpf und Schande, Vice, aber ich weiß auch, dass ich nicht der einzige in der Runde war, der so dem Discotod so entgehen wollte.

Ich bin der Ansicht, die letzten Minuten eines langen Tages gehören den Freunden, und mit ihnen hat man auch die Minuten bis Mitternacht zu verbringen. Nach vierundzwanzig Uhr allerdings trennen sich die Wege, oder wir schließen brüchige Bündnisse mit manchmal Fremden, oft Freunden, oder nur flüchtigen Bekannten, um gemeinsam auf Frauenjagd zu gehen. Ich zog aber mit Jerry los, vergaß derweil, wo Dima eigentlich ablieb, und begann mit ihm jene grandiose Frauenjagd. Wir machten einen Abstecher, am Dancefloor vorbei, und am mustern wie Wehrdienstbeamte, zum DJ Pult. Ich kannte den Discjockey schon seit dem ich das erste mal im zarten Alter von fünfzehn diese Disco betrat. ‘Big Mike’ ist ein schwarzer Mann, wie er im Buche steht: Groß, muskolös und ein Ficker. Wir haben uns schon die ein oder andere Frau vermittelt und auch getauscht, als wären sie begehrte Panini-Sticker. Er war cool drauf und er bot mir an, später in der Nacht in einem Rap-Battle gegen ihn anzutreten. Ich sagte natürlich zu, nahm Jerry mit, der sich mit einem von Mikes Truppe verplappert hatte und brach auf, wieder am Dancfloor vorbei, in Richtung Cocktailbar.

An der Theke wollte ich mir erst eine kleine Abkühlung gönnen, bekam jedoch mit, wie eine kleine Blondine ein Auge auf mich warf. Treffer! Ich lächelte sie kurz an, sie lächelte zurück, und ging mit Jerry zu der Blondine an der anderen Seite der U-förmigen Bar. Ich stellte mich mit Jerry zu der Blondine und ihrer Freundin und sprach zu ihr: „Du bist wohl zu schüchtern, um mich anzusprechen, was? Komm, du musst keine Angst haben, ich beiße nur dienstags und sonntags nur nach Vereinbarung“ – Sie lachte darauf hin und fragte mich nach meinem Namen. „Ich heiße Vice und das ist Freund Jerry. Wie heißt du?“, gab ich zurück. Katharina war ihr Name. Vor kurzem ist sie achtzehn geworden und sie wolle in dieser Nacht einfach mal vergessen, dass ihre Ferien bald um sind. Wie sich herausstellte, vergaß sie sich bald selbst, dank einem Kerl, der unter dem Namen ‘Vice Williams’ skurrile Geschichten schreibt.

Jerry ging zurück an die Theke und holte sich einen Drink, verschwand aber dann zum Tanzen, während ich alleine mit Katharina zu einem Tisch ging und mich mit ihr weiter unterhielt. Ihre Augen sahen von nahem aus wie flouriszinerender blauer Saphir. Und ihre Lippen waren rosa und glänzend vom frisch aufgetragendem Lippgloss, den sie wieder in ihre weiße Designerhandtasche zurücksteckte. Es war eine offensichtliche Fälschung. Irgendwann sagte ich schließlich zu ihr: „Gib mir deine Hand“. Sie war misstrauisch. „Was willst du machen?“, wollte sich Katharina vergewissern. „Ich will dir etwas erzählen. Es ist eine wunderschöne Geschichte. Dazu musst du zu mir rüberkommen, damit du diese Geschichte mit allen Sinnen erleben kannst.“ Sie sah mich noch verdutzter an. Stille. Ich behielt den Augenkontakt mit ihr aufrecht, bis sie nach kurzer Zeit sich von ihrem Hocker erhob und mir im gehen noch zärtlich androhte: „Und wehe du versuchst einen Scheiß!“ Katharina setzte sich mit dem Rücken zu mir auf einen Hocker. Ich forderte sie auf ihre Augen zu schließen, sich zu entspannen und meinen Worten zu folgen.

Was für eine Geschichte ich ihr genau erzählte, werde ich Euch nicht verraten. Ihr solltet aber wissen, dass solche ‘Techniken’ einem eine gewisse Art Macht verleihen können, und der Umgang mit dieser keinem nützt, der sie bloß irgendwo aufgeschnappt hat.

Langsam strich ich das blonde Haar von ihrem Ohr, um mit leisen aber deutlichen Worten zu ihr zu sprechen und legte meine Hand auf ihre Schulter. Katharina begann sich zu entspannen, ihr Pulsschlag verlangsamte sich. Ihr Atem wurde tiefer. Wenn ich ihr sagte sie, sie solle die Hand öffnen, tat sie dies. Ich simulierte, wie ich ihr imaginäre Gegenstände in die Handflächen gab, bis sie ’stopp’ sagte. Ich schloss diese zu einer Faust zusammen, führte die Faust zu ihrem Herzen, und erzählte weiter. Katharinas Rücken stützte sich auf meiner Brust. Während ich erzählte, holte sie mit jedem Atemzug ein wenig tiefer Luft. Ihr Busen erhob sich unter ihrem weißen Top mal zu mal eindeutiger.

Als ich den Befehl gab, die Geschichte sei zu Ende und dass sie ihre Augen öffnen solle, waren diese glänzend und am schimmern, wie das Mondlicht, dass sich in sternenklarer Winternacht in einem Teich spiegelt. Sie drehte sich zu mir, ich legte meinen Finger an ihr Kinn, und führte ihren Kopf an meine Lippen. Sie küsste mich so, als wäre ihre Leidenschaft, ein Sklave der Vernunft, das erste Mal in Freiheit. Der Kuss war zärtlich und voller Passion. Nachdem sich unsere Lippen trennten, blickte sie mich an und sagte leicht konfus und verträumt: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ – Willkommen in meinem Leben. Ich verließ Katharina, allerdings ohne mir ihre Nummer schnappen. Weiter ging’s Jerry oder Dima oder sonstwen finden.

Ihre Stimme war wie ein schönes Lied, das mir vermochte, bei jedem Hören eine Träne zu vergießen. Katharina war außen eine kühle Schönheit, doch innen so beherzt, wie ein warmes Heim im tiefsten Herbst.

Philosophie liegt rauhen Jungs genauso, wie ihnen der Faustkampf auf offener Straße. Ich habe es bisher auch nicht für möglich gehalten, dass sich Ali jemals darüber Gedanken gemacht hätte, in welcher Dimension die Härte des Lebens zurückschlägt. „Ich schwöre dir“, ruft er aus seiner Zelle 14, „diese Wichser sehen mich nie wieder!“ Diese Wichser sehen ihn auch nie wieder. Genauso wenig wie Frank oder Sanja. Wir haben uns geschworen…Entschuldigung, Ali boxt gerade wieder..mhh…Oh er hat aufgehört! Also, wir haben uns geschworen beim hinausgehen nicht auf den Knast zurückzublicken. Das ist eine ungeschribene Regel, die besagt, dass jeder der dies tut, früher oder später hier wieder einsetzen wird. Um durch die Stahltüren kommunizieren zu können, müssen wir alle unsere Stimmbänder strapazieren und schreien. Ali wird eine Stunde vor uns entlassen. Um vierzehn Uhr schließlich ich und Sanja und Frank wird um fünfzehn Uhr aus der Anstalt hinaustreten. Für mich sind das noch gute zwei Stunden.

Zu meiner Überraschung ist das Mittagessen heute ausnahmsweise mal spitze – entweder das, oder ich habe mich an diesen Fraß gewöhnt und meinen kulinarisch empfindlichen Gaumen zerschunden. Hünchenbrust mit Bohnesalat und Nudeln. Während ich kaue, überlege ich mir was ich zu aller erst mache, wenn ich zu Hause bin. Duschen? Ausschlafen? Auf Redtube oder Youporn ein oder zwei Stunden verbringen? Wenn ja, dann in welcher Reihenfolge? Ich werde es sehen…

„Was ich habe, ist Charakter in meinem Gesicht. Es hat mich eine Masse langer Nächte und Drinks gekostet, das hinzukriegen.“

- Humphrey Bogart

Nicht nur ich, sondern auch die Zeit, legte mit fortschreitender Nacht Hand an die verschiedensten weiblichen Hinterteile an. Von prallen und strafen Hintern, die sich teilweise durch die knappen Röcke hindurch schon preisgaben, bis hin zu ‘Apfelbäckchen’, rund und voll, die etwas für die ‘Daddys’ unter uns Partygästen waren – eben etwas zum Anpacken. Ich fühlte mich groß – Nicht einmal King Kong hätte mehr auf mich scheißen können.

Das Ziffernblatt zeigte mittlerweile kurz nach zwei Uhr an, als ich mich dem verlorenen Abenteuerer Jerry erneut anschloss. Jerry, eben noch von größter Heiterkeit erfasst, lächelte still, als wir uns in der Mainhall niederliessen und dem bunten Treiben des Parytvolkes von einer Bar aus unsere Aufmerksamkeit schenkten. Mitten in dem Wirrwar aus Miniroecken, engen Jeans, Zigarrettenqualm und Laser-Kaleidoskopen entdeckte ich rasch Dimitri, der die ihn umgebenen Tanzwütigen nicht nur in seiner Koerpergröße überagte, sondern auch in seinem Eifer nach rhythmischer Erlösung. Als ich Dimitri, dem Freund aller Gelassenheit, fortwährend beim Tanzen beobachtete, konnte man auf meinen Lippen ein leichtes Grinsen vernehmen, dessen Ursprung ich in einer ständigern Erinnerung mit mir trug – es war unmöglich für einen aussenstehenden an die Quelle dieser kleinen Freude zu gelangen.

Vor einigen Wochen rief ich Dima, nach einer nicht weniger durchzechten Nacht, am darauffolgenden Nachmittag an. Es gibt schließlich nichts, was so unterhaltsam ist, als den alkoholdurchfluteten vorigen Abend, bei einer Zigarette erneut wieder aufleben zu lassen und Ereignisse und Dialoge durch das ebenso begrenzt vorhandene Restwissen seines Gesprächspartners zu ergänzen. „Dima hast du Lust vorbeizukommen, eine rauchen?“, fragte ich ihn. Mit misshandleter Stimme sprach Dima in den Hörer: „Ne du, ich kann meine Arme nicht bewegen!“ Voller Sorge um sein Wohl und den Tabakgenuss, wollte ich wissen was den los sei. Schlägerei? Bist du gestürtzt mein, Freund? – „Nein man! Ich habe vom Tanzen ‘nen üblen Muskelkater in meinen Armen bekommen.“ Das war einfach zuviel für mich. Lange hatte ich nicht mehr einen solch ausgiebigen Lachkrampf. Was davon bis zu jenem Abend übrigblieb, ließ sich eben nur in Form eines unscheinbaren, aber schelmischen Grinsens erahnen.

Kommt zusammen und genießt das letzte Mal. Weiter auf Seite 3 >>>>

~ von Vice am 14 Mai, 2008.

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