Meine Mona Lisa

Meine Mona Lisa

“Ich widme diesen Beitrag all denen, deren größte Gabe ihre Schöpferkraft ist.”

Meine Mona Lisa von Konstantin Dahlem

Meine Mona Lisa von Konstantin Dahlem

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Leonardo da Vinci mit seinem Meisterwerk die „Mona Lisa“, das Portrait mit dem wohl sagenumwobesten Lächeln der Welt, alles andere als zufrieden wäre. Es ist nur eine wage Behauptung, aber ich denke ich spreche im Namen vieler kreativer Köpfe. Denn insgeheim haben wir uns geschworen, unsere nächsten Bücher und Texte, Fotografien und Grafiken, Lieder und Gedichte, ja sogar unsere Bauskizzen und Konstruktionspläne, optimaler zu gestalten, als die vorigen.

Der erste Kreative, der in vielen Büchern unterschiedlicher Kulturen genannt wurde, soll dieses Universum in Sieben Schritten errichtet haben – denn auch er (oder sie?) strebte nach gewisser Vollkommenheit seiner Werke.

Die Schöpferkraft wurde im antiken Griechenland, ja sogar im kriegerischen Sparta, höchst angesehen. In Chinas Reichen stand die Kalligraphie der Schwertgroßmeisterschaft praktisch gleich. In Afrika verzichteten Stämme über Jahrhunderte auf schriftliche Archive. Die Historie vieler schwarzafrikanischer Völker wurde in ihren Liedern und Gesängen festgehalten und überliefert. In Süd- und Mittelamerika fronen die Überreste ausgelöschter Staaten von einer einst mächtigen Kultur, die herrschte, ehe der „neue Kontinent“ überhaupt Erwähnung in den Schriften der alten fand. Vielleicht kann man sagen, dass diese Schöpferkraft – Kreativität – unser Motor ist, über den Tod hinaus noch Existent zu sein.

Es war verregneter Julimontag. Zum Teufel mit dem deutschen Sommer, ist eigentlich der passende Spruch für einen Afrikaner wie mich. Im Winter will es nicht mehr schneien und im Sommer pisst es wie aus Kübeln. Ich spazierte von der Berufsschule, durch den Park in Richtung Heim. Kaum zwanzig Minuten Fußweg, von denen ich praktisch fünfzehn mit dem Rafting-Kanu hätte hinter mir lassen können. Über mir grollte der Himmel, als hätte der Gott höchstpersönlich seine neue Bowlingbahn mit einem Strike eingeweiht.

Nach diesem Schultag gab es nichts bessers, als eine Zigarette zu rauchen und zu genießen. Doch durch den herabstürzenden Regen ließ sie sich kaum ziehen – wie eine Eisenbahnlok von Elton John -, und suchte deshalb unter einer Bedachten Brücke einen Unterschlupf.

Ich führte das Feuerzeug zur Kippe und verschwand mit dem ersten Inhalieren in diffusen Gedanken. Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde mir – unter dem Donner des Himmels – klar, mit welchem Talent ich gesegnet worden bin: Meine Kreativität.

Dabei bringe ich sie jeden Tag, Stunde über Stunde, in meiner Arbeit als Journalist zum Ausdruck. Verdammt?

Habe ich diese Gabe wirklich so vernachlässigt, als dass ich sie für nichts weiter, als einen SoftSkill halte? Eine Floskel, die ich in Bewerbungen hineinschrieb, ohne ihren Wert zu schätzen?

Dabei war ich ein so talentierter Rap-Musiker und Produzent. Musik, meine Leidenschaft, war etwas, womit ich viele berührt und in manchmal auch harten Zeiten motiviert habe – mich selbst eingeschlossen.

Ich beobachte, wie der Pegel des Flusses allmählich ansteigt, und die Strömung mehr und mehr an Geschwindigkeit gewinnt.

Lyrik! Es war etwas, dass ich – wir – doch so vielen nahe brachten, als wäre es die selbstverständlichste Form zu Sprechen und zu Hören. Ich hatte es drauf, dachte ich mir als ich mittlerweile mehr als die Hälfte der West-Kippe weggeraucht habe. Und ein Redner, mit Herzblut. Sprach ich, kehrte Stille ein, wie auf dem Totenacker. Und jetzt? Titten! Bumsen und Vagina? (Na ja, verzichten möchte ich zwar nicht darauf…ist eigentlich ganz angenehm.)

Es war wirklich unglaublich, wie ich mich selbst überraschte. Denn trotzt meiner vielen Makel, bin ich einer von vielen, die sich glücklich schätzen dürfen, eine Ressource in sich zu tragen, die aus Gedanken, etwas Antastbares, Handfestes und etwas von geistigem Wert herzustellen vermag. Ein Gut, das nicht aus der Erde gefördert wird, aber selbst aus geförderter Erde etwas Gutes macht. Meine Schöpferkraft.

Für mich besteht kein Zweifel darin, dass mein Leben mein größtes Werk sein wird, auch wenn ich rückblickend viele fehlerhafte Pinselstriche entdeckt habe, die meine Mona Lisa nie perfekt werden lassen. Nein, nie perfekt, aber dafür unvergessen.

~ von Vice am 8 Juli, 2008.

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